Über mich
Tabea MartenHaltung & Praxis

Ich verstehe die fotografische Arbeit als einen fortlaufenden Prozess der Dekonstruktion.
Mein Ausgangspunkt ist die Handwerklichkeit und das geschulte Auge der kommerziellen Porträtfotografie. Über zwei Jahrzehnte lang lag mein Fokus darauf, Menschen präzise, optimierend und kontrolliert abzubilden. Die freie künstlerische Praxis, die sich auch daraus entwickelt hat, ist kein Bruch, sondern deren konsequente Befragung: Wo der Auftrag Perfektion verlangt, interessiert mich in der Kunst das Fragile, das Brüchige und die ungeschönte Dokumentation.
In meinen Werkzyklen in Istanbul (2024) und Kapstadt (2026) wurde mir die Machtstruktur hinter der Kamera vor Augen geführt. Der ungefragte Zugriff auf das Abbild eines Fremden – das Einnehmen einer fremden Realität – erwies sich für mich als eine Grenze. Die Erkenntnis dieser ethischen Problematik führte nicht zum Abbruch der Arbeit, sondern zur Transformation: Die Anonymisierung von Subjekten und die Abkehr von der bloßen Street-Photography wurden selbst zum künstlerischen Thema.
Wenn das Gegenüber hinter der Kamera vor der Übergriffigkeit des Blicks geschützt werden muss, bleibt als logische Konsequenz der Blick auf mich selbst.
In meiner zur Zeit entstehenden Werkreihe „Fragmente — Von mir zum Wir?“ nutze ich das Selbstporträt zur radikalen Selbsterforschung. Ich untersuche die Narben von Isolation, gesellschaftlichem Zwang und den Verlust von Unbefangenheit. Das eigene Erleben steht hierbei nicht als isolierter Endpunkt, sondern als notwendige Voraussetzung: Erst durch die Freilegung des eigenen Schmerzes entsteht ein raumgreifendes Angebot zum Dialog.
Meine Arbeit sucht keine fertigen Antworten, sondern schafft Räume, in denen Erfahrung geteilt werden kann — ohne Vorverurteilung, ohne Glättung, in all ihren Facetten.